Der Bahnhof: Warten mit Ziel

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Ankommen ist etwas sehr schönes. Sei es bei einem Ereignis, einem Abschluß oder an einem Ort. Ein Zwischenhalt, ein Endpunkt oder der Heimathafen. So sind die Orte der Ankunft seit jeher ein wunderbarer Platz der Beobachtung und Meditation. Egal in welchem Land, zu welcher Zeit: ein Bahnhof ist unschlagbar und wunderschön, um einen geliebten Menschen abzuholen.

Der größte Bahnhof Thailands Hua Lamphong entspricht in der Größe etwa dem Münchner Bahnhof. Seine Halle wurde in den 40er Jahren von englischen Ingenieuren gebaut, die sich in der Architektur am europäischen Jugendstil orientiert haben. Die zwanzig Meter hohe Decke über der fußballfeldgroßen Fläche der Eingangshalle verschafft den gewünschten staunenden Blick, daß soviel freier Raum noch überdacht werden kann. Die Augen können sich über Ablenkung nicht beklagen: vom zentral positionierten Bild am anderen Ende der Halle begrüßt Dich der König von einem 4×6 Meter großen Bild mit ernstem Blick. Auf ebener Erde sind links und rechts des breiten Mittelweges fest montierte Stühle, in denen zu jeder Tages- und Nachtzeit hunderte Menschen sitzen und entweder auf Ankommende oder auf ihren Zug warten.

Nur jeden Tag um 12:00 steht der ganze Bahnhof still: es wird die thailändische Nationalhymne gespielt. Mir kommt das wie ein real gewordener Film vor. Das Bild wird abrupt angehalten und die Musik spielt weiter. Jeder hält in seiner Bewegung inne. Als einzelner kann ich mich diesem Sog nicht entziehen, genauso wenig wie in den thailändischen Kinos, in denen die Nationalhymne auch vor jedem Film gespielt wird. Ich war in einem der großen Kinos in der VIP Vorstellung: Service am Sitz, eine Bar vor dem Kino, vor der ich mich nicht wie in den klassischen europäischen Popkornwarteschlangen über finale Bestellunfälle aufrege. Das einzige Problem ist der Sitzkomfort im VIP Kino: voll elektronische Verstellung in allen drei Dimensionen, voll gepolstert, voll cooles Spielzeug. Ich erinnere mich nicht an die Werbung, kann jedoch die Anzahl der Knöpfe (7), die maximalen Stellungen (Sessel bis Liegebett) und vor allem die Geschwindigkeit erinnern: Sobald die Nationalhymne anfängt, wird von allen Anwesenden erwartet zu stehen. Leider braucht es circa 10 Sekunden, bis das Liegebett (mit hohen Seitenlehnen) mir den Absprung zum Aufstehen ermöglicht. Das produziert schon einen etwas peinlichen Moment, wenn die Hymne gespielt wird, alle schon stehen und ich mich als letzter aus dem summenden Sessel herausrolle (Platz ist rechts und links genug vorhanden) und vom Boden zum Strammstehen aufraffe…

Zurück zum Ankommen.

Wer kennt es nicht, im Zug anzukommen und zu wissen, dass man abgeholt wird. Gepäck einsammeln, Jacke anziehen und raus! Ich gehe über den Bahnsteig, fokussiere kurzzeitig auf stehende Personen, sortiere unbekannte aus und nagele schließlich Ihr Gesicht, ihren Körper, ihre Augen mit einem mich überwältigendem Grinsen fest. Die letzten Meter: Sie geht auch ein Stück auf mich zu. Bleibt stehen. Ich bleibe einen Meter vor ihr stehen. Mein Gepäck fällt auf den Boden. Wir nähern uns infinitesimal: Ich überbrücke die Hälfte des Abstands, dann Sie die Hälfte des verbliebenen Abstands, dann wiederum ich. Ein langsamer schwingender Tanz aufeinander zu. Wenn es möglich wäre, sich um die Welt herum in die Augen zu schauen, möchte ich Rücken an Rücken stehen und um die ganze Welt aufeinander zugehen! Die letzten Zentimeter dauern ewig wunderschön. Unsere Augen vergraben sich ineinander, der Bahnhof, die Menschen, die Welt sind schon vor Jahrhunderten verschwunden. Ich neige meinen Kopf vor, verzögere diesen ersten Augenblick der Berührung unserer Lippen. Die Welt wird zweibildhaft verschwommen, unsere Augen sehen direkt ineinander, kein Hin-und-Her des Blicks zwischen zwei Augen, nur zwei tiefe Blicke zwischen zwei Augenpaaren, völlige Konzentration und Ineinanderfallen.

Der Kuß, oh Mann, der Kuß!!

Ein wahrer Höhepunkt, klassisch konzertiert, unabhängig von Kultur und Ort.

Wie bei anderen Höhepunkten spielt das Vorspiel also eine große Rolle. Die Reisende hat … nun eben die Reise, den Weg zu mir. Ich habe das Warten am Bahnhof, dieses wunderbare Abwarten zusammen und neben vielen anderen wartenden, ankommenden, umarmenden Menschen. Es beginnt – wie alles im Leben – mit meiner eigenen kleinen Reise zum Bahnhof. Hoffentlich rechtzeitig. Nachdem ich ankomme, beginnt das Warten, das zuckersüße Warten, inklusive der Hoffnung, daß der Zug nicht allzuviel Verspätung hat. (Verspätungen existieren kaum in Thailand – sogar auf Fahrtstrecken mit mehr als 1500 Kilometern. In Deutschland existiert immer noch die unsinnige Meinung, dass ein Mehr an Technologie bessere Pünktlichkeit zur Folge hätte. Falsch. Einfach falsch! Das Hinzufügen von Technologie und/oder neuen Bestandteilen führt immer zu einem – ersten – Verlust der Pünktlichkeit). Dieses Warten ist nicht langweilig: ich habe viele Mitstreiter hier am Bahnhof. Sie warten ungeduldig am Bahnsteig auf Ankommende, beobachten sich und die Menge der Ankommenden wie ich, warten in der Halle auf die Zeit der eigenen Abreise, auf einen Kaffee, auf Rückgeld beim obligatorischen Spiesschenstand, auf Wunder (wenn man als Abholender zu spät ankommt), auf das Taxi (Bahnhöfe sind Taxisammelstellen, Biotope für schnelles Taxiwachstum). Man wartet also auf alles, auf das man Warten kann.

Ein Bahnhof ist eine große Wartemaschinerie, der heilige Ort der wartenden Zeit. Diese wird sehr unterschiedlich wahrgenommen und hat für jeden Wartenden eine andere Geschwindigkeit und einen eigenen Geschmack. Später frage ich die Ankommende nach ihrem Zeitgefühl: ein langsames Warten (weil gleichmäßiges Fahren) mit einer fantastischen Steigerung am Ende (ich erröte dankbar). Meine Wahrnehmung ist eine andere. Ich bin – wenn möglich – mindestens eine Stunde vor geplantem Höhepunkt im Bahnhof, denn im Gegensatz zu Deutschland kommen hier in Thailand die Langstreckenzüge gerne auch früher an. Und noch wichtiger: ich kann das Warten zelebrieren. Einen Kaffee besorgen, langsam schlürfend und umherschauend in der Menge versinken. Von der Gallerie aus über der Menge stehen und beobachten. Dort die Familie, die dösend in der Mittagshitze in den Stühlen lagert. Kinder, die lachend durch die Reihen laufen. Ein Lesender, tief in seiner Zeitung versunken. Dieser dort ist sicherlich verliebt: einen Blumenstrauß in der Hand tigert er mit in sich gekehrtem Blick umher, sucht schon jetzt nach ihr (oder ihm). Diese dort unterbricht ihr Warten durch einen ungeduldigen Kampf mit der nicht Englisch sprechenden Essensverkäuferin (Sie erkennt den Segen ihrer eigenen Unwissenheit nicht: Schlange schmeckt besser, wenn man nicht weiß, dass es Schlange ist).

Zurück zum Warten.
Das kann ich stundenlang machen, jedoch nur bis zu dem Zeitpunkt der geplanten Ankunft. Danach werde ich … sagen wir einmal kribbelig. Davor geniesse ich diese Zeit und die vielen Frauen, Männer und Kinder. Familien, Priester, Europäer, Reisegruppen, Rucksacktouristen. Die thailändische Bahn hat sich in den letzten zwei Jahren immens verbessert, so dass heute auch Rollkoffertouristen auf einer Reise auf Schienen durch Thailand anzutreffen sind – bei nunmehr fast ungefährdeter Ignoranz. Ich freue mich mit jedem Menschen, der leuchtend lächelnd am Bahnsteig steht. (Hua Lamphong ist ein Kopfbahnhof, was es allen leichter macht, sich zu finden) Jede Begegnung hat ihren eigenen Geschmack, ihr eigene Emotion.

Jede/r denkt zuerst an die Verliebten. Diese Botschafter der Freude, der Erregung, der höchsten Kunst der Abholung! Einfach zu identifizieren sind sie auch: Besonders schick angezogen warten sie mit leuchtenden Augen am Ende des Bahnsteigs, sehr häufig mit einer Blume bewaffnet. Sobald der Zug eingetroffen ist, beginnt das, was ich den Tunnelblick des Wartenden bezeichne. Der Blick schwingt hin und her, über Gesichter, Kleidung, Körper. Für uns befriedete Europäer ist dies einer der spannendsten schönen Augenblicke im sonst eintönigen friedlichen Leben. Zum einen die Sicherheit, dass sie (oder er) kommen wird. Zum anderen die Freude des Endes der Abwesenheit, des Alleinseins. Alles in allem warten wir immer darauf, dass irgendein Alleinsein endet…
Dann der Augenblick des Erkennens! Der Blick sucht nicht mehr, ein großes, allumfassendes Lächeln bringt die Beleuchtung zum Erblassen. Die Umarmung, das Ausharren miteinander unter Ausschluß der Welt. Ein Kuß. Noch ein Kuß. Auf einmal ist die Zeit verschwunden. Warten für einen solchen Höhepunkt ist wahrlich eine Lust!

Natürlich gibt es auch andere Arten des Abholens, die dann auch andere Arten des Wartens vor sich ziehen. Die thailändische Familie macht daraus – wie aus allem anderen auch – einen Ausflug. Inklusive Essen, Diskussionen und Okkupation eines ausreichenden Raumes in der Wartehalle. Dutzende von Schälchen werden nebensächlich ausgepackt, geleert und wieder eingepackt (meistens hat die Familie mehr Gepäck dabei als der/die Ankommende). Die Kinder breiten sich freudig im Erlebnispark Hua Lamphong aus. Die Erwachsenen bereden die letzten Neuigkeiten über die Abzuholenden und alle anderen Themen. … Ich muss gestehen: ich weiss nicht so recht, über was exakt die Menschen hier reden. Mir fällt nur auf, dass bei mir daheim die Gespräche meist mit einem unlächelnden Gesicht und der typisch deutschen Schwermütigkeit wesentlich weniger Unterhaltungswert für mich haben. (Ausnahme: alle nicht-deutschen Familien) Kurz vor dem Eintreffen des Zuges findet dann die notwendige Völkerwanderung an den Bahngleis statt. Ausnahme hier: der Bereich der Bahnsteige kostet für den Abholenden 50 Baht (ca 1 Euro) Eintritt. Das heisst, dass größere Familien in der großen Bahnhofshalle die Abholung zelebrieren. Fröhliches, lautes Gesumme vieler Stimmen umfängt die Ankommende, Wais (die asiatische Begrüßung mit vor den Körper gelegten Händen), Umarmungen im Überfluß, lachende Kinder und Großeltern, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen und alle Cousinen/Cousins und Großirgendwas. Nachdem in der Menge ausreichend gebadet wurde, werden alle Gepäckstücke nebensächlich selbstverständlich auf die anwesenden jungen Menschen verteilt und die ganze Gruppe zieht lachend und schnatternd zum Ausgang. Ich habe keine Ahnung, wie der Weitertransport aussieht… obwohl: bei den bisher beobachteten maximalen Passagierzahlen der verschiedenen maschinellen Fortbewegungsmittel brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Dies sind die von mir in unabhängiger, geheimer und freier Zählung aufgenommenen Zahlen für die verschiedenen Fortbewegungsmittel, alle inklusive Fahrer:

Tuk-Tuk Zehn Personen
Moped (125er) Sieben Personen (eine Kleinfamilie: Vater, Mutter, fünf Kinder)
(und zwei große Plastiktüten)
Taxi Acht Personen
Pick-Up Zwanzig Personen (inkl. Gepäck)

Alles in allem ist das Warten also die Vorbereitung auf das Abholen. Und macht ohne das Abholen auch keinen großen Sinn. Natürlich gibt es andere Arten des Wartens, doch dieses Warten ist mir das bisher liebste im Leben! Nun habe ich noch einige Ideen, wie man das Warten und auch das Abholen variieren kann.

Ich sage: mehr Freude und noch mehr Spass beim Abholen!!

So kann man sich zum Beispiel mal verkleiden. Nicht im gemeinhin feierlich schicken Anzug/Kostüm, sondern abwegiger. Wer ist denn schon einmal von einem Clown ageholt worden (stelle mir gerade meinen Vater im bunten Clownskostüm mit roter Nase vor…). Oder ich lade völlig der Ankommenden völlig unbekannte Menschen zum Mitwarten und -abholen ein. Aussteigen und in einer Feier landen! Nicht dieses steife diplomatische Abschreiten von strammestehenden Menschenreihen, nicht diese amerikanischen Fähnchenschwinger. Sondern eine Gruppe von gut gelaunten Menschen, die schon seit zwei Stunden am Bahnsteig feiern.

Oder wie wäre es, einfach mal völlig unbekannte Menschen abzuholen? Ich stehe mit einem Willkommensgeschenk am Bahnsteig und überreiche es der ersten Person, die nicht abgeholt wird (Frauen werden noch zusätzlich umarmt und abgeknutscht).

Jeder von uns wartet jeden Tag, jeder kommt jeden Tag irgendwo an.
Mehr Lust am Warten!
Mehr Freude beim Ankommen!
Mehr Spass beim Abholen!