Doppelmoral (oder: jeder macht’s)

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Gecko, Koh Samui, Thailand

Seit drei Monaten gibt’s Demonstrationen gegen den jetzigen Permier Minister Thaksin. Bis zu 100.000 Menschen sind dabei auf der Strasse (glaubt man den Anti-Thaksin Nachrichten).
Für mich als Deutschen eine neuartige Erfahrung, denn vieles ist anders als daheim. Zum einen geht es nur, außschliesslich und konkret gegen einen Menschen, den Permierminister.
Zum anderen ist auch interessant, was berichtet wird: an einem Tag wird der Premier zitiert mit den Worten “Wenn der König zu mir flüstert ‘Thaksin, es ist Zeit zu gehen’, werfe ich mich ihm vor die Füße”. Stellt Euch mal vor, ein westlicher Politiker würde sagen, we werfe sich zu Füßen von irgendwem…
An einem anderen Tag wird berichtet, wie der Permier Schwarze Magie und Wahrsager konsultiert. Am nächsten Tag dann ein Bild von Schwarzmagiern auf Seite 5 (Hauptseite ‘Lokales’), die Magie gegen den Premier praktizieren. Wunderbar…
Es gibt auch Gemeinsamkeiten zu Deutschland: so hat Thaksin Anfang Februar Neuwahlen für den 2. April angekündigt (gerade der Tag, an dem ich von Koh Samui nach Bangkok zurückfahren werde:-)). Ein ähnlicher Schachzug wie der des Herrn Schröder, jedoch mit leicht anderer Konnotation: seine Unterstützung ist am größten in den ländlichen Gebieten, die immer noch die Masse der Wähler stellen. Damit ist sein Wahlsieg sehr sicher.
Sogar so sicher, daß die drei größten oppositionellen Parteien den Wahlboykott angekündigt haben (und bisher auch durchhalten). Zusätzlich kommt dann noch das – aus meiner oberflächlichen Sicht – reaktive thailändische Wahl-Gesetzes-Werk ins Spiel. Es besagt u.a., daß eine Kandidatur einer Person für das Parlament (neben den üblichen staatsbürgerlichen) nicht möglich ist, wenn der Kandidat a) keiner oder b) weniger als 90 Tage einer zur Wahl zugelassenen Partei angehört. Dieses Gesetz wurde – wie viele Gesetze – nach dem Kindstod im Brunnen eingeführt, um das politische Taktieren von Parlamentsmitgliedern zu unterbinden. …Und schießt jetzt der Demokratie ins Knie… Jedenfalls der Demokratie, wie die ich sie verstehe.
Somit ergibt sich die Situation, daß fast ausschließlich Mitglieder der “Thai rag Thai” Partei als Kandidaten zugelassen werden (nebenbei: man könnte auch eine Datei in Deutschland gründen. Die heißt dann synonym DLD “Deutsche lieben Deutsche”:-).
Schröder würde das thailändische Wahlgesetz lieben, denke ich.

Fragen

Wie verhält sich die aktuelle politische Kultur in Thailand gegenüber der bhuddhistischen Ethik, die nach wie vor die Werte der Menschen hier bestimmt? Und gibt es hier vielleicht auch Parallelen zu unserer westlichen/europäischen/deutschen Kultur?

Bhuddhismus

Stark reduziert, basiert Bhuddhismus auf einigen einfachen Werten und Kausalitäten. Ich fasse diese laienhaft & auszugsweise zusammen:

  1. Du wirst wiedergeboren, bis Du es begriffen hast
  2. Wenn Du selber Bhudda wirst, also die wirkliche Welt vollständig wahrnehmen kannst, hast Du das Nirwana erreicht: Du wirst nicht mehr wiedergeboren, sondern gehst in …ja was?… über. Anders gesagt: Dein Rad des Lebens, Leidens & Lernens hört auf, sich zu drehen, denn Du hast ja alles gelernt.
  3. Du bestimmst Dein Karma (Dein weiteres Schicksal) selbst: Alles, was Du tust, beeinflußt sowohl Dein jetziges als auch Deine zukünftigen Leben. Tust Du gutes, wirst Du ein besseres (nächstes) Leben haben.

Doppelmoral

Dem Westen, oder aus deutscher Sicht Amerika wird immer wieder zu Recht eine Doppelmoral vorgeworfen. Sei es die unterschiedliche Handhabung von Menschenrechtsverletzungen in Öl- und Nicht-Öl-Ländern, die Einschränkung der verfassungsrechtlichen(?) Freiheit durch den Staat bis hin zur Handhabung und dem öffentlichen Verhältnis zu Sex, oder, oder, oder…
Ganz einfach gesagt: Doppelmoral ist überall da, wo das Handeln und das Sagen (oder die moralische Aufgabe einer Rolle) sich unterscheiden. Ich glaube, Doppelmoral ist eine fundamentale menschliche Eigenschaft, oder – nach bhuddhistischer Meinung – nur wer Bhuddha ist, hat sie nicht.

Beispiele aus Thailand:

Verbrennungen

Dem Premier wird vorgeworfen, böse zu sein, und zwar im moralischen Sinne!
Dennoch finden sich Menschen, die sein Bild verbrennen. Aus meiner Sicht ist es sogar schlimmer, ein Bild, ein Symbol zu verbrennen als zum Beispiel Bücher. Das Symbol der brennenden Bücher in der Kristallnacht war allgemein (und schlimm, vor allem für mich als Leseratte). Aber ist es nicht noch schlimmer, das Bild eines Menschen zu verbrennen? Ist mein Bild nicht das Symbol für mich? Ein Buch oder von mir geschriebenes Wort stellt nur Aspekte von mir dar, ein Bild ist mit das vollständigste Symbol meiner selbst.

Handhabung von Schuld

Zum einen ist es sehr unschicklich in Thailand, den Scheff, Vorgesetzten oder Häuptling zu kritisieren. In einer solchen hierarchischen Kultur dann den obersten anzugreifen geht nur dann, wenn man ihn in der eigenen Wahrnehmung vollständig demontiert: er muss eine enstprechend seiner obersten Rolle (die keiner kritisieren darf) oberster Bösewicht sein, damit man auf die Strasse darf.
Ich rede hier nicht davon, ob andere mich auf die Strasse lassen, sondern: was muss ich an meinem Bild von Thaksin in mir schrauben, damit ich guten Gewissens auf die Strasse kann. Gleichzeitig ist es aber offensichtlich, daß die – bei allen meines Erachtens richtigen Vorwürfen gegen Thaksin – Probleme systembedingt sind: Er kann gar nicht alleine Schuld sein, denn alle anderen haben’s ihm bisher durchgehen lassen.

Beispiele aus Deutschland:

Opposition

Hier ist ja kein Mensch wirlklich böse, wir stehen schon lange über solchen einfachen Moralvorstellungen, nicht wahr? Es ist sogar seit 1968 schick, gegen die Oberen zu opponieren. Das ganze artet derart aus, daß viele meiner Generation sich über die heutige Jugend beschweren, daß sie nicht genügend gegen sei. Und gleichzeitig erweisen sich die sogenannten 68er als diejenigen, die die meisten – eben weil sie viele hatten – Ihrer Werte nach und nach aufgeben.

Handhabung von Schuld

Interessanterweise sucht man in Deutschland keine schuldige Person. Es wird immer schön auf das bestehende System, die Globalisierung oder den Vorgänger verwiesen. Abgesehen von der Descartes’schen Erkenntis, daß wir nie ausreichend genug wissen ist dies immer noch widersprüchlich zur allgemeinen Erwartungshaltung zu handeln, zu ändern.
Auf der einen Seite sollen Änderungen (von anderen!) herbeigeführt werden, die eigenen Werte (und damit alles andere eigene) aber bitteschön unbetastet bleiben. Es scheint mir sehr ähnlich zu sein, wie die Menschen in Deutschland und in Thailand ihre (unterschiedlichen!) Werte doppelmoralig verraten: Man wünscht sich bestimmte Werte, scheitert aber im Alltag (egal auf welcher Ebene) immer wieder daran, sie zu behalten. Zumindest geht’s den meisten Menschen so, die ich persönlich kenne (inklusive meiner Person).

Fazit? Keins!

Ich habe keine Lösung, entweder weil ich nicht ausreichend weiß oder nicht ausreichend Erfahrungen in meinen bisherigen Leben hatte.
Was ich jedoch weiß: ich verstehe jeden Menschen, der zeitweise gegen seine eigenen Prinzipien (ein anderes Wort für Werte) verstößt. Ich will jedoch den Menschen nicht mehr verstehen, der dies ohne eigene Not oder aus purer Möglichkeit (einfach, weil sie/er es kann) tut.
In einer Welt, in der die Werte wieder wichtiger werden (weil das alte Ost-gegen-West Wertesystem nicht mehr funktioniert), ist jeder, der seine Werte bewußt hinter sich läßt zu bemitleiden.
Und sie oder er wird letztendlich meines Erachtens scheitern, sei es nach bhuddhistischer oder westlicher Moralvorstellung. Denn egal, ob buddhistisch oder christlich oder muslimisch oder jüdisch oder sonstwas ist: alles kommt zu einem zurück im Leben – mit Zinsen!