Paul Graham: “Das tun, was Du liebst”

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Dieser Text ist eine Übersetzung des Originaltextes “How to do what you love” von Paul Graham.

Mein Dank geht an Paul Graham für die Erlaubnis, diesen Text zu übersetzen. Anmerkungen von mir sind in [eckigen Klammern] eingefügt.

Januar 2006

Um etwas sehr gut zu machen, muß man es lieben. Die Idee ist nicht wirklich neu. Bisher haben wir sie auf vier Wörter reduziert: “Tu, was Du liebst.” Aber es den Menschen nur zu sagen, ist nicht genug. Zu tun, was man liebt, ist kompliziert.

Die Grundidee ist nicht das, was wir als Kinder lernen. Als ich ein Kind war, erschienen Arbeit und Spaß als fundamentale Gegensätze. Das Leben hatte zwei Zustände: ab und zu sagten die Erwachsenen, was ich zu tun hatte. Das wurde dann Arbeit genannt. Den Rest der Zeit konnte ich tun, was ich wollte. Das nannte sich Spielen. Manchmal machten die Aufträge der Erwachsenen Spaß und manchmal machte das Spielen keinen Spaß, zum Beispiel wenn ich hinfiel und mir das Knie aufchürfte. Aber mit Ausnahme dieser wenigen Anomalien war Arbeit ziemlich einfach definiert als Kein-Spaß.

Und das schien kein Zufall zu sein. Die Schule schien anstrengend zu sein, weil sie für die erwachsene Arbeit vorbereiten sollte.

Damals war die Welt in zwei Gruppen aufgeteilt: Erwachsene und Kinder. Erwachsene hatten zu arbeiten, vielleicht aufgrund irgendeines Fluchs. Kinder durften nicht arbeiten, aber sie mußten zur Schule gehen. Eine abgeschwächte Version von Arbeit, um uns auf das wirkliche Leben vorzubereiten. Sosehr wir uns über die Schule beschwerten, alle Erwachsenen erzählten uns, das erwachsene Arbeit schlimmer war und wir es besser hätten.

Lehrer im Besonderen glaubten bedingungslos, das Arbeit kein Spaß war. Was nicht besonders überrascht: Arbeit war nie Spaß für die meisten von ihnen. Warum mussten wir auch Hauptstädte auswendig lernen, wenn wir statt dessen Ball spielen könnten? Aus dem gleichen Grund, aus dem sie uns beaufsichtigen mussten, anstatt am Strand zu liegen. Man konnte einfach nicht tun, was man wollte.

Ich sage nicht, daß man Kinder völlig frei handeln lassen sollte. Es gibt Dinge, die sie tun sollten. Wenn die Kinder dumme Dinge tun sollen, ist es vielleicht sinnvoll, ihnen zu sagen, daß diese langweilige Sache nicht der Hauptaspekt von Arbeit ist. Stattdessen ist der Grund für die scheinbar sinnlose Arbeit jetzt, später an interessanten Dingen zu arbeiten. ((Im Augenblick tun wir das Gegenteil: wenn wir den Kindern langweilige Ding zu tun geben, wie zum Beispiel arithmetischen Drill, anstatt ihnen einfach zuzugeben, daß es langweilig ist, dann behängen wir die Arbeit nur mit oberflächlichem Schmuck.))
Als ich ungefähr neun oder zehn Jahre alt war sagte mir mein Vater, ich könne tun was immer ich wolle wenn ich erwachsen sei. Solange ich Spaß daran habe. Ich erinnere mich genau daran, weil es so unüblich schien. Es war wie die Aufforderung, trockenes Wasser zu trinken. Was auch immer ich damals genau dachte, ich glaube nicht, dasß er meinte, Arbeit mache sprichwörtlich Spaß, wie Spaß beim Spielen. Das habe ich erst Jahre später begriffen.

Jobs

Während der High School kam dann die Aussicht auf das Berufsleben in Sicht. Erwachsene kamen ab und an vorbei, um über ihre Arbeit zu reden oder wir besuchten welche bei der Arbeit. Allgemein wurde angenommen, daß sie ihre Arbeit mochten. Wenn ich zurückdenke, traf das aber nur auf den Jet-Piloten zu. Ich denke, der Bankmanager hatte keinen Spaß.

Der Hauptgrund für diese Schauspielerei war wahrscheinlich die Erwartungshaltung der oberen Mittelschicht. Die eigene Arbeit schlecht zu machen, wäre nicht nur schlecht für die Karriere, sondern ein sozialer faux-pax.

Woher kommt diese Konvention, die Freude an der Arbeit vorzumachen? Der erste Satz dieses Essays erklärt es. Wenn man etwas mögen muß, um es gut zu tun, dann trifft dies besonders auf die erfolgreichen zu. Dies ist eine Tradition der oberen Mittelschicht. So ziemlich alle Häuser in Amerika sind voll von [LINK]Stühlen, x-te Kopie von Kopien von Stühlen, die 250 Jahre zuvor entworfen worden sind. Ohne es zu wissen, sitzen Eigentümer auf der x-ten Kopie der alten Einstellung von Größe (im Sinne von “Großes tun”).

Eine grandiose Entfremdung. Sobald sie das Alter erreichen, um sich Gedanken über die eigene Zukunft zu machen, wurde den meisten Kinder die falsche Idee über die Liebe zur eigenen Arbeit eingetrichtert. Die Schule erklärt ihnen, Arbeit ist eine widerliche Pflicht. Es wird gesagt, eine Stelle zu haben ist eine anstrengendere Pflicht als sogar die Schule. Und trotzdem behaupten die Erwachsenen, ihre Arbeit zu mögen. Du kannst die Kinder nicht verurteilen, wenn sie dann völlig richtig denken “Ich bin nicht so wie ihr. In diese Welt passe ich nicht.”

Genau gesagt, werden Kinder dreimal angelogen: das, was sie in der Schule machen ist keine richtige Arbeit. Erwachsene Arbeit ist (notwendigerweise) schlimmer als die Schule. Und viele Erwachsene um sie herum lügen sie an, wenn sie behaupten, ihre Arbeit zu mögen.

Die gefährlichsten Lügner können die eigenen Eltern sein. Wenn Du einen langweiligen Job annimmst, um den hohen Lebensstandard Deiner Familie zu sichern – was viele tun – riskierst Du, Deine Kinder mit Deiner Sicht einer langweiligen Arbeit zu infizieren. ((Ein Vater erzählte mir von einem verwandten Phänomen: er konnte vor seiner Familie nicht zugeben, wie sehr er seine Arbeit mochte. Wenn er an einem Samstag arbeiten wollte, war es ihm leichter, der Familie zu sagen, er “muß” arbeiten, als zuzugeben, daß er lieber arbeiten wollte als daheim bei ihnen zu bleiben.)) Es wäre vielleicht besser, weniger altruistisch zu sein. Eltern, die ein Beispiel für Spaß an der Arbeit sind helfen ihren Kindern mehr als ein teures Haus. ((Etwas Ähnliches passiert in den Vorstädten. Eltern ziehen dorthin um, damit ihre Kinder in einem sicheren Umfeld aufwachsen. Vorstädte sind jedoch so trüb und langweilig, daß die Kinder im Alter von fünfzehn Jahren denken, die ganze Welt wäre langweilig [und dumm].))
In meinem eigenen Leben dauerte es bis zum College, daß sich die Idee der Arbeit von der Idee des Lebensunterhalts befreien konnte. Daraufhin war die wichtige Frage, woran ich arbeiten wollte. Nicht, wie viel Geld ich damit machen würde. Idealerweise fallen diese beiden Ideen zusammen, aber einige spektakuläre Grenzfälle — wie Einstein im Patentamt — zeigen, daß sie nicht dieselbe Idee sind.

Die Definition von Arbeit ist, etwas Besonderes in der Welt abzuliefern, und währenddessen nicht vor Hunger zu sterben. Aber auch nach vielen Jahren Berufsleben beinhaltet mein Bild von Arbeit immer noch einen großen Anteil von Schmerz und Leid. Arbeit benötigt immer noch Disziplin, vor allem weil nur schwierige Probleme guten Gewinn liefern. Und schwierige Probleme können per Definition nur wenig Spaß machen. Man muß sich sicherlich zwingen, daran zu arbeiten.

Wenn man den Schmerz als selbstverständlich ansieht, übersieht man leicht den zugrundeliegenden Fehler. Was auch die Zusammenfassung meiner Erfahrungen in der höheren Schule. [Auf Nachfrage gab mir Paul ein einfaches Beispiel: Wenn Du daran gewohnt bist, daß Dir die Füße wehtun, hast Du vergessen zu fragen, ob Du vielleicht größere Schuhe brauchst]

Grenzen

Wie viel darf oder soll man denn mögen? Solange man dies nicht weiß, hört die Suche nicht auf. Und wenn man diese Frage – wie viele Menschen – unterschätzt, hört man zu früh zu suchen auf. Man endet darin, das zu tun, was die Eltern einem sagen, oder dem Geldmachen, oder dem Ansehen, oder in schierem Stillstand.

Ein Vorschlag für eine Obergrenze: Zu mögen, was man macht heißt nicht, nur das zu machen, was man jetzt mag. Sogar Einstein hatte sicherlich einen Augenblick, in dem er unbedingt einen Kaffee wollte, aber er nahm sich zurück und beendete das, woran er gerade arbeitete.

Es wundert mich, wenn ich von Leuten lese, die das, was sie tun so sehr mögen, daß es nichts anderes zu tun gibt. Es gab nie eine Arbeit, die ich so sehr liebte. Wenn ich die Wahl habe zwischen (a) eine Stunde zu arbeiten, an irgendwas, oder (b) nach Rom zu teleportieren und eine Stunde herum zu streunern, gibt es irgendeine Arbeit, die besser als (b) ist? Ehrlich gesagt: Nein.

Fakt ist, fast jeder Mensch würde zu einem beliebigen Augenblick lieber in der Karibik segeln, oder mit jemandem schlafen, anstatt sich mit schwierigen Problemen herumzuschlagen. Die Aussage über Liebe zur Arbeit benötigt einen längeren Zeitraum. Sie bedeutet nicht, jemanden jetzt glücklich zu machen, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg, vielleicht eine Woche oder einen Monat.

Unproduktives Genießen macht irgendwann satt. Nach einer Weile am Strand wird’s langweilig. Wenn man glücklich bleiben will, muß man auch etwas [Produktives] tun.

An der unteren Grenze muß man seine Arbeit mehr lieben als irgendwelche unproduktiven Genießereien. Die Liebe sollte soweit gehen, das der Begriff “Freizeit” sich komisch anhört. Was nicht bedeutet, daß man nur noch arbeiten soll. Man kann nur eine bestimmte Zeit bei der Stange bleiben, bevor man zu müde wird und alles vermasselt. Dann will man etwas anderes tun, auch wenn es sinnlos erscheint. Aber man sollte dies nicht als den Preis ansehen, und die Zeit der Arbeit auch nicht als Bezahlung oder Schmerz, mit der man sich diesen Preis verdient.

Diese untere Grenze hat einen Zweck (an dieser Stelle). Wenn Du Deine Arbeit nicht liebst, hast Du sehr wahrscheinlich ein großes Problem mit der Verzögerung. Du mußt Dich selbst zur Arbeit zwingen, und dadurch werden die Ergebnisse spürbar minderwertiger [auch aus Deiner eigenen Sicht].

Ich glaube, um glücklich zu sein, sollte man nicht nur etwas tun, das man gerne macht, sondern man sollte es auch bewundern können. So daß man am Ende sagen kann: super, das ist wirklich gut. Was nicht bedeutet, das man wirklich etwas tut. Wenn man lernt zu faulenzen, oder eine fremde Sprache plötzlich fließend spricht, dann kann man auch super sagen. Zumindest für eine Weile. Um das aber sagen zu können, benötigt man einen Test.

Ich denke, ein Beispiel für einen nicht vorhandenen Test ist das Lesen eines Buchs. Außer im Lehrbetrieb und der Forschung gibt es keinen Test, wie gut man das Buch gelesen hat und deswegen fühlt sich das Lesen auch nicht wie Arbeit an. Man muß etwas mit dem Gelesenen tun, um sich produktiv zu fühlen.

Den meines Erachtens besten Test brachte mir Gin Lee bei: mach etwas, von dem Deine Freunde sagen “Super!” Was aber erst Anfang zwanzig funktioniert, da die meisten Menschen vorher nicht ausreichend viele Freunde zum testen haben.

Sirenen

Nach meiner Auffassung sollte man sich nicht an der Meinung anderer als seiner an der der eigenen Freunde orientieren. Das andere wäre Prestige: die Meinung des Rests der Welt. Wenn man sich um die Meinung der Menschen kümmert, die man respektiert, was bringt dann noch die Meinung von Menschen, die man noch nicht einmal persönlich kennt? ((Ich behaupte nicht, daß Deine Freunde das einzige Publikum sein sollen. Je mehr Menschen Du (mit Deiner Arbeit) helfen kannst, umso besser. Die Freunde sollten der Kompass sein.))
Ein leicht gegebener Ratschlag, der schwierig zu befolgen ist, wenn man jung ist. ((Donald Hall erklärt, daß junge Möchtegernpoeten in ihrer Besessenheit zu veröfentlichen häufig falsch liegen. Man kann sich jedoch vorstellen, was es für einen 24-jährigen bedeutet, im New Yorker veröffentlicht zu werden. Für die Menschen, die er nun auf den Partys trifft, ist er ein richtiger Poet. Tatsächlich ist er nicht besser oder schlechter als vorher, aber für ein naives Publikum wie das seine ist diese Veröffentlichung eine offizielle Auszeichnung, die genau den Unterschied macht. Es ist also ein größeres Problem, als es Hall definiert. Der Grund, warum junge Menschen so sehr um Prestige gründet sich darin, daß ihr Publikum so nicht sehr wahrnehmungsfähig ist.)) Prestige ist wie ein mächtiger Magnet, der sogar die eigene Vorstellung darüber verzerrt, was man liebt. Er bringt einen dazu, sich von dem abzuwenden, was man liebt und sich damit zu beschäftigen, was man lieben will.

Zum Beispiel bringt es Leute dazu, Romane zu schreiben. Manche lesen gerne Romane. Sie merken, daß Autoren den Nobelpreis gewinnen. Was kann denn schöner sein, als Romane zu schreiben? Aber diese Zuneigung ist nicht genug. Man muß die eigentliche Arbeit des Schreibens mögen, um darin gut zu sein. Man muß es auch mögen, reichhaltige Lügen in Wörterschminke zu packen.

Prestige oder Berühmtheit ist eine Inspirationsfossilie. Egal, was man macht: wenn man irgdenwas gut genug macht, macht man es berühmt. Viele berühmte Dinge waren zu Beginn unbekannt und ohne Prestige. Man denke nur an Jazz — jede etablierte Kunstform kommt als Beispiel in Frage. Also tu einfach was Du magst und laß die Berühmtheit links liegen.

Die Berühmtheit ist besonders gefährlich für die ehrgeizigen. Damit ehrgeizige Menschen ihre Zeit sinnlos verplempern, hängt man am besten Prestige an den Haken. Das ist der Erfolgsschlüssel, um Leute dazu zu bringen, Reden zu halten, Vorwörter zu schreiben, in Komitees zu sitzen, Abteilungsleiter zu werden, usw. Es ist vielleicht ein guter Ratschlag, jede prestigesteigernde Arbeit abzulehnen. Wenn es nicht bescheuert wäre, muß man es nicht mit Prestige anreichern.

Im gleichen Sinn sollte man, wenn man zwei verschiedene Aufgaben gleich gern angehen möchte, die weniger prestigeverdächtige wählen. Die Meinung über Arbeit wird immer durch Prestige beeinflußt. Bei zwei gleichwertigen Alternativen hat man eher Lust auf die mit weniger Prestige behaftete. [Und man wird weniger von anderen dabei gestört]

Die andere Ablenkung ist Geld. Geld für sich selbst genommen ist nicht so gefährlich. Ehrgeizige Menschen lassen sich nicht am Ruf stören, oder wenn der Beruf gering geschätzt wird, wie zum Beispiel Telemarketing, Prostitution, Körperschadensersatzklagen, man aber gut bezahlt wird. Diese Art von Arbeit wird dann letztendlich von Menschen “halt zum Lebensunterhalt” ausgeführt. (Tipp: man sollte jedes Berufsfeld vermeiden, dessen Mitspieler diese Aussage machen) Die Gefahr wird größer, wenn Geld mit Prestige zusammenkommt, zum Beispiel bei Unternehmensanwälten oder Medizinern. Eine vergleichbar sichere und erfolgreiche Karriere mit eingebautem Basisprestige ist eine gefährlich verlockende Alternative für einen jungen Menschen, der noch nicht genau weiß, was er will.

Der Test, ob jemand wirklich das liebt, was er will: würde er damit fortfahren, wenn er dafür kein Geld bekäme und sogar noch eine andere Anstellung zum Auskommen benötigt? Wie viele Unternehmensanwälte würden mit ihrer aktuellen Arbeit fortfahren, wenn sie nicht dafür bezahlt würden, ihre Freizeit opfern müßten und tagsüber als Kellner arbeiten müßten?

Dieser Test hilft besonders bei der Entscheidung über eine akademische Karriere, da sich die verschiedenen Disziplinen hier sehr stark im Prestige unterscheiden. Die meisten guten Mathematiker würden weiterarbeiten, selbst wenn es keine Stellen mehr für sie gäbe. Während auf der anderen Seite des Spektrums die Anzahl der freien Lehrstellen bestimmend ist. Leute wären lieber Englisch-Professoren als Angestellte in Werbeagenturen, und je mehr man veröffentlicht, desto eher wird man Professor. Mathematische Arbeit würde immer noch stattfinden ohne mathematische Fakultäten, aber es ist die Masse der Studenten mit englischem Hauptfach – und damit die Existenz der sie lehrenden Stellen, die tausende trostlose Artikel über Geschlecht und Identität im Werk von [DETAILS AUTHOR] Conrad produziert. Niemand tut [LINK]so etwas aus Liebe oder mit Spaß.

Der Ratschlag der Eltern wird fälschlicherweise mehr in Richtung Geld gehen. Es ist ziemlich sicher zu behaupten, daß es mehr Jugendliche gibt, die Autor werden wollen und die Eltern sehen sie als Mediziner, als Jugendliche, deren Eltern darauf bestehen, daß sie Autor werden, anstatt Medizin zu studieren. Die Jugendlichen denken, daß ihre Eltern “materialistisch” sind. Nicht notwendigerweise. Alle Eltern tendieren dazu, bezüglich ihrer Kinder konservativer zu bewerten als für die eigene Person, einfach weil sie als Eltern mehr Risiken ertragen als Belohnungen erhalten. Wenn Dein achtjähriger Sohn auf einen Baum steigen will, oder Deine Teenagertochter sich mit dem schlimmsten Buben der Nachbarschaft verabredet, hast Du keinerlei Anteil am Spaß. Aber wenn Dein Sohn herunterfällt oder Deine Tochter schwanger wird, trägst Du die Konsequenzen.

Disziplin

Wenn uns solch starke Kräfte auf unserem Lebensweg verwirren, ist es kein Wunder, wie schwierig es ist, die Arbeit zu finden, die wie lieben. Die meisten Menschen werden schon in der Kindheit dazu veruteilt zu lernen, daß Arbeit=Schmerz ist. Diejenigen, die dem entkommen, lassen sich fast alle auf das Glatteis des Geldes oder der Berühmtheit führen. Wie vielen entdecken denn überhaupt etwas, das sie lieben können? Vielleicht einige wenige Hunderttausend … von Milliarden.

Es ist schwierig, eine Arbeit zu finden, die man lieben kann. Es muß so sein, denn so wenige finden sie. Man sollte diese Suche also nicht unterschätzen. Wenn man sich tatsächlich die eigene Unzufriedenheit eingesteht, ist man einen Schritt vor den meisten, die die Erkenntnis immer noch verweigern. Du weißt, daß in einer Lügenwelt arbeitest, wenn Du an Deinem Arbeitsplatz von Menschen umgeben bist, die alle steif und fest behaupten, Ihren Job zu mögen, den Du verachtenswert findest. Nicht unbedingt wahr, aber sehr wahrscheinlich.

Auch wenn eine fantastische Arbeit weniger Disziplin benötigt, als gemeinhin angenommen — weil der Trick eben darin besteht, eine Arbeit zu finden, zu der man sich nicht zwingen muss, sondern die man eben gern macht — sie zu finden benötigt üblicherweise eine Menge Disziplin. Einige Menschen haben das Glück, im Alter von zwölf Jahren zu wissen, was sie wollen und sie gleiten einfach so durchs Leben wie auf Schienen. Das scheint aber die Ausnahme zu sein. In den meisten Fällen haben die Menschen, die großartiges vollbringen, Lebensläufe, die an die Flugbahn eines Tischtennisballs erinnern. Sie gehen zur Schule und studieren danach A, brechen ab und beginnen einen Job B und werden dann bekannt für C, was sie so nebenher gelernt haben.

Manchmal ist der Arbeitswechsel ein Zeichen von Energie, manchmal durch Faulheit gekennzeichnet. Gibt man auf, oder bahnt man sich mutig einen neuen Lebensweg? Meistens kann man es selbst nicht sagen. Während sie ihre Niesche suchen, erscheinen später erfolgreiche Menschen als enttäuschende Verlierer.
Gibt es einen Faktor, den man verwenden kann, um sich selber gegenüber ehrlich zu sein? Eine Möglichkeit ist, jede Aufgabe gut zu erledigen, ob man sie mag oder nicht. Dann weiß man wenigstens, daß man nicht faul ist und Unzufriedenheit als Entschuldigung mißbraucht. Vielleicht noch wichtiger ist die Erfahrung, Aufgaben gut auszuführen.

Ein weiterer sinnvoller Test ist: produziere immer etwas. Wenn Du eine Anstellung hast, die Du nicht ernst nimmst, weil Du Author werden willst, produzierst Du etwas? Schreibst Du Geschichten, egal wie schlecht? Solange man etwas erzeugt, kann der glorreiche Traum eines Schlüsselromans nicht als Opiat und zusätzliche Ablenkung dienen. Der Traum wird sabotiert vom allzu augenscheinlichen Mangel Deiner aktuellen Ergüsse.

“Produziere immer” ist auch ein Weg, die Arbeit zu finden, die man liebt. Unterwirft man sich diesem Anspruch, macht er unliebsame Dinge obsolet und zwingt einen zu den Dingen, die man liebt. “Produziere immer” entdeckt die Arbeit, die man liebt, wie das Wasser mit der Hilfe der Gravitation das Loch im Dach findet.

Natürlich ist das Wissen, was man liebt keine Garantie, daß man dann auch eine Anstellung oder bezahlte Arbeit findet. Das ist eine andere Frage. Und falls Du ehrgeizig bist, solltest Du diese Fragen getrennt behandeln: es benötigt ausdauernden Aufwand, um die Dinge die man liebt, von denen, die man kriegen kann zu trennen. ((Die entspricht dem Prinzip, daß man seinen Glauben über die Dinge die sind vom Wunsch, was man will trennen sollte. Die meisten Menschen vermischen beide ziemlich wahllos. Die unverminderte Popularität von Religion ist dafür das beste Indiz.))
Es ist schmerzhaft, diese Fragen zu trennen, denn die Lücke zwischen ihnen tut weh. Deshalb verringern viele Menschen ihre Wünsche im Voraus. Wenn man, zum Beispiel, irgendeinen Menschen auf der Straße fragt, ob er gerne so malen würde wie Leonardo da Vinci, würden die meisten antworten “Ich kann leider nicht malen”. Was aber mehr eine Aussage der Intention als der Fähigkeit ist. Es bedeutet: “Ich werde es nicht versuchen”. Fakt ist nämlich, würde man irgendjemanden von der Straße entführen und ihn irgendwie dazu kriegen, zwanzig Jahre lang so hart wie möglich daran zu arbeiten, ein Künstler zu werden, so würde dieser Mensch ziemlich weit kommen. Es würde aber auch eine große emotionale Hürde für diesen Menschen sein: an jedem Tag wäre er gezwungen, der eigenen Unfähigkeit ins Auge zu starren. Also sagt er lieber: “Ich kann nicht.”

Man hört auch oft die Begründung, daß irgendjemand die ungeliebte Arbeit machen muß, daß nicht jeder das tun kann, was er gerne möchte. Wirklich? Wo und wie wird diese Arbeit festgelegt? In den USA gibt es nur eine Möglichkeit, Menschen dazu zu zwingen, etwas zu tun, was sie nicht wollen: der sogenannte Draft [Die zwangsweise Einbeziehung junger Männer in den Militärdienst]. Und das wurde seit dreißig Jahren nicht mehr angewandt. Alles, was man tun kann, ist die Menschen durch Prestige und Geld zu ermutigen.

Wenn es Jobs gibt, die die Menschen nicht wollen, so muß die Gesellschaft anscheinend selber damit zurecht kommen. Das passierte mit den Haushaltsangestellten. Seit tausenden von Jahren war diese Arbeit das allgemeine Beispiel für einen “Job, den keiner will”. Trotzdem starb in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Stellenbeschreibung “Hausangestellte/r” aus und die Reichen mussten alleine klar kommen.

Also auch wenn es Arbeit gibt, von der jemand sagt, sie sei notwendig, so ist die Aussage über eine bestimmte Arbeit sehr wahrscheinlich falsch. Die meiste unangenehme Arbeit wird entweder automatisiert oder einfach liegen gelassen, wenn sie keiner tun will.

Zwei Wege

Es gibt jedoch einen Aspekt von “Nicht jeder kann die Arbeit haben, die er will”, der nur allzu wahr ist. Man muß seinen Lebensunterhalt verdienen und es ist sehr schwierig für das, was man liebt bezahlt zu werden. Es gibt zwei Wege zum Ziel: der organische: je mehr man heraus ragt, desto mehr kann man sich aussuchen, was man an Arbeit annimmt und auf die Dinge verzichten, die man nicht gerne tut.

Der duale Weg: Dinge für Geld zu tun, die man nicht mag um die Dinge tun zu können, die man liebt.

Der organische Weg ist am weitesten verbreitet. Es ist ein Automatismus, der jedem dient, der gute Arbeit macht. Ein junger Architekt muß jeden Auftrag annehmen. Wird er besser, kann er mehr und mehr von verschiedenen Aufträgen diejenigen auswählen, die ihm liegen. Der Nachteil dieses Wegs ist seine Langsamkeit und Unsicherheit. In der Zeit liegt kein Frieden.

Der duale Weg hat mehrere Versionen, je nachdem, über welchen Zeitraum man für Geld arbeitet. Das eine Extrem ist der “Tagesjob”, wo man eine reguläre Arbeitszeit für reguläres Geld absitzt und in der Freizeit das tut, was man liebt. Das andere Extrem wäre, solange zu arbeiten, bis man [LINK]genug Geld hat, um nie wieder dafür arbeiten zu müssen.

Der duale Weg ist seltener als der organische, da er eine durchdachte Entscheidung benötigt. Er ist ausserdem gefährlicher. Das Leben wird teurer, je älter man wird, und man wird länger als erwartet im Geld-Job gebunden. Noch schlimmer: alles, an dem Du arbeitest, verändert Dich. Wenn Du zu lange an Langweiligem arbeitest, wird Dein Gehirn zu Joghurt. Und die am besten bezahlten Stellen sind am gefährlichsten, denn sie erfordern Deine gesamte Aufmerksamkeit und Energie.

Der Vorteil des dualen Weges ist die Möglichkeit, Hindernissen aus dem Weg zu gehen. Die Landschaft der möglichen Stellen ist nicht flach. Es gibt Hürden unterschiedlicher Höhe zwischen den verschiedenen Arten von Arbeit. ((Eine genauere Metapher [für Imformatiker] wäre die Aussage, daß der Graph der verschiedenen Berufsgruppen nicht sehr zusammenhängend ist.)) Die Auswahl und Optimierung der bevorzugten Aufgaben verändert die Stellenbeschreibung vielleicht von Entwickler zu Analytiker, aber sehr wahrscheinlich nicht von Informationstechnologe zu Musiker. Wenn das Geld durch die eine Stelle gesichert ist, hat man die freie Wahl auf der anderen Seite.

Welchen Weg solltest Du nehmen? Das hängt davon ab, wie sicher Du Dir Deiner Wünsche bist, wie gut Du Anordnungen befolgen kannst, wieviel Risiko Du akzeptierst und die (Un)wahrscheinlichkeit, daß irgendjemand (im Laufe Deines Lebens) dafür bezahlen will, was Du eigentlich tun willst. Wenn Du Dir über den groben Rahmen Deiner gewünschten Arbeit sicher bist und diese etwas produziert oder tut, für das Leute wahrscheinlich Geld ausgeben, dann ist wahrscheinlich der organische Weg der richtige. Aber wenn Du noch nicht weißt, was Du willst, oder ein Problem mit Anordnungen hast, ist vielleicht der duale Weg der richtige, wenn Du das Risiko in Kauf nehmen willst.

Entscheide nicht zu früh. Kinder, die früh wissen, was sie wollen, erscheinen beeindruckend, wenn sie eine mathematische Frage vor den anderen Kindern beantworten. Sie haben eine Antwort (bestimmt) aber die Wahrscheinlichkeit ist gering, daß es die richtige ist.

Eine Freundin von mir, eine ziemlich erfolgreiche Ärztin, beschwert sich kontinuierlich über ihren Beruf. Junge Menschen, die sich für einen medizinischen Beruf bewerben und sie um Rat fragen, möchte sie am liebsten am Schlafittchen packen, schütteln und anschreien “Tu das nicht!” (Aber sie macht das niemals). Wie kam sie zu dieser Einstellung? Schon in der High School wollte sie Ärztin werden. Und aufgrund ihres Ehrgeizes und ihrer Entschlossenheit war sie in der Lage, jedes Hindernis auf ihrem Weg zu meistern — leider einschließlich der Tatsache, das sie den Beruf gar nicht mag.

Sie hat sich für ein ein Leben entschlossen, das ihr von einem High-School Teenager vorgegeben wurde.

Wenn man jung ist, bekommt man den Eindruck, daß man immer genug Information hat, bevor man eine Entscheidung treffen muß. Was aber sicherlich nicht der Fall in der Berufswahl ist. Diese Entscheidung basiert auf lächerlichen, unvollständigen Informationen. Selbst im College [in der Hochschule] hat man nur die geringste Ahnung von den verschiedenen Berufen. Am besten macht man ein paar Praktika, die sind aber wiederum nicht für alle Berufe möglich. Und wenn doch, lernt man dort auch nicht viel mehr als wenn einem der Balljunge Tennis beibringt.

Im Lebensentwurf, wie im Entwurf der meisten Dinge, erhält man bessere Ergebnisse durch die Verwendung flexibler Materialien. Hat man sich also noch nicht entschieden, ist ein erster Beruf sinnvoll, der einem beide Wege (dual und organisch) offenläßt. Was auch wahrscheinlich der Grund war, warum ich mich für Computer entschieden habe. Man kann ein Professor sein, eine Menge Geld machen, oder den Beruf in beliebige andere umformen.

Es ist auch eine gute Idee, sich nach einem Beruf umzusehen, in dem man eine Vielzahl von verschiedenen Aufgaben erledigen kann. Dadurch lernt man schneller, welche Art von Arbeit man lieber und welche weniger gern hat. Und im Gegensatz dazu ist extreme Variante des dualen Weges gefährlich, weil sie eine geringe Vielfalt an zu lernender Arbeit beinhaltet. Wenn Du hart und zehn lange Jahre als Börsenmakler gearbeitet hast, um dann reich aufzuhören und Romane zu schreiben: was passiert, wenn Du gekündigt hast und dann entdeckst, daß Du gar nicht gerne Romane schreibst?

Die meisten werden jetzt sagen: Das nehme ich gerne in Kauf. Gib mir eine Million Dollar und ich finde schon raus, was ich tun werde. Das ist aber schwieriger, als es aussieht. Einschränkungen geben Deinem Leben eine Gestalt. Entferne sie, und die meisten Menschen werden nicht wissen, was sie anfangen sollen: man beobachte nur die Menschen, die in der Lotterie gewinnen oder reich erben. Sosehr auch jeder denkt, er benötige finanzielle Sicherheit, die glücklichsten Menschen sind die, die das tun, was sie lieben. Eine Strategie, die Sicherheit und Frieden opfert auf Kosten des Wissens, was man will, ist vielleicht doch nicht so gut, wie sie im ersten Augenblick aussieht.

Welchen Weg auch immer man in seinem eigenen Leben wählt, man sollte Schwierigkeiten erwarten. Herauszufinden, welche Arbeit oder Tätigkeit man liebt ist sehr schwierig. Die meisten Menschen scheitern. Und sogar wenn man Erfolg hat, passiert es selten vor dem vierzigsten oder fünfzigsten Geburtstag. Doch wenn man das Ziel im Auge behält, ist es wahrscheinlicher dort anzukommen. Wenn Du weißt, Du kannst Arbeit(en) lieben, dann bist Du auf der Zielgeraden. Und wenn Du weißt, welche Arbeit Du wirklich liebst, dann bist Du praktisch schon da.

Dank an Trevor Blackwell, Dan Friedman, Sarah Harlin, Jessica Livingston, Jackie McDonough, Robert Morris, Peter Norg, David Sloo and Aaron Swartz für das Korrekturlesen dieses Textes.

Notizen