Rasender RDUC Bericht Nr. 5 – das Ende…zartbitter

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Geschichten aus den USA, Juli 2004, Teil 5/5

Donnerstag:

Auf Wiedersehen!

Jetzt heisst’s also Abschied nehmen. Eine Sache, die ich nie richtig gut konnte. Zum einen verbleibt doch immer noch die Hoffnung eines Wiedersehens, zum anderen weiß man nicht, ob man/frau sich je wiedersieht. Darin liegt eine süße Bitterkeit, die sich auch teilweise in
diesen Bericht schleicht.

Auf Wiedersehen…. also hat man sich vorher gesehen.

Einfach zwar, offensichtlich sicherlich, aber unbeachtet meistens.

Fragt sich denn in einem solchen Augenblick irgendjemand, wie denn unser einander ‘Sehen’ war?

Abgesehen von Besoffenen in Bars: die sehen nicht, erinnern sich aber doch irgendwie.

“Ähm, habe ich das wirklich gesagt?”

Ich habe mich jedenfalls nach durchzechter Nacht noch nicht gefragt, was ich durch den Bierfilter gesehen habe.

Diese Wahrnehmung der anderen Seite ist ein wirklich listiges Spiel.

So wurde mir zum Beispiel eine wunderbar amerikanische Klischee- Situation geschildert, die’s wirklich auf den Punkt bringt.

Nach dem Belauschen eines Gesprächs über Michael Moores neuesten Film mischte sich doch glatt eine Texanerin ein und wollte mitreden. Nach circa 10 umonst verbratenen Minuten der Erklärung, wer der überhaupt ist, sagte sie ganz nonchalant:

“I don’t know his books or films, but I like his work.”

Im ersten Augenblick schlage ich mir die Schenkel platt vor soviel offensichtlicher Blödheit. Ich mein’, wie kann die sich selbst nur so gedankenlos widersprechen, oder?

Doch halt, ein zweiter Gedanke lohnt vielleicht:

Kann man nicht auch jemanden mögen, ohne ihn zu kennen?

Oder anders gesagt: Muss ich jemanden erst bis auf die Knochen und den Grund der Seele kennen, bevor sie/er in die illustre Gemeinde der mögenswerten Menschen (allgemein: die, die in den Himmel kommen) aufgenommen wird?

(soweit der Ausflug ‘Philosophie zum Einsteigen’)

Überhaupt: Reisen bildet vor allem deswegen, weil man in der Fremde bewusster wahrnimmt. Hat sich irgendjemannd schonmal gefragt, warum die Mädels in anderen Städten/Orten immer hübscher sind als daheim?

(Umgekehrt bin ich mir da nicht so sicher)

Man ist also mit geöffneten Augen und wach und anwesend und man beobachtet… die Gedanken reisen herum – in der Fremde viel freier als daheim…

Zum Beispiel am Pool, an dem ich gestern mit dem ganzen Team der verbliebenen IBMer saß und die Konferenz ausklingen lies.

Aber gewisse Risiken gibt es: nachdem die (wie gesagt offenen und
aufmerksamen) Augen bemerken, dass sich der Wasserspiegel des Pools um ca. 10
cm gesenkt hat, begeben sie sich sensibel, weil offenherzig auf die Ursachensuche:

Ein circa 200 kg schwerer Mann (Klops? Brocken?? Berg???) tappt an mir vorbei. An seiner straffen, gebräunten Haut – warum muss ich an Fesselbalons denken? – rinnt das texanische Gegenstück der Niagarafälle herab. Mein Bier schägt Wellen wie in ‘Jurassic Park’: Bummm … bummm … bummm …

Autsch! DAS tat ästhetisch weh!

Meistens aber wird man belohnt und die Augen freuen sich.

Kinder im Pool, zum Beispiel.

Ich konnte beim besten Willen nicht erkennen, was amerikanische Kinder von deutschen oder von thailändischen oder irakischen oder israelischen Kindern unterscheidet. Sie spielen miteinander und mit Ihren Eltern Spiele, lachen das gleiche Lachen, wenn sie im Pool paddeln, haben dieselben offenen Augen, dieselben Tränen, wenn mal zuviel Wasser geschluckt wird.

Ich hab’s!

Es sind wir Erwachsenen, die Unterschiede machen.

Macht ja auch Spass, gell?

So klassische Unterschiede zwischen D und USA sind ja zum Beispiel die verwendeten Fortbewegungsmittel.

Am Donnerstag Abend waren wir in einem sehr noblen Steak Restaurant. (Mein Steak war – gelinde gesagt – etwas größer, es entsprach so ungefähr meinem Oberschenkel. Fantastisch! Forget Schweinsbraten, sagich!)

Danach sind wir mit dem TownCar zurückgefahren.

10 m lang! Ein Kollege konnte nicht mehr das Gleichgewicht halten, legte sich im Wagen lang (Platz war da ja genug) und drehte sich auf den Rücken:

“Wow, I can see the stars, dude!”

Was lernen wir daraus?

1. Er ist Engländer oder Australier (dude…)
2. An der Decke hat’s viele bunte Leuchtdioden

3. Warum ist er überhaupt erst hingefallen?

Ist doch klasse: Man bestellt ein riesiges Auto, nur um sich beim Einsteigen stärker zu krümmen als in einer Yogaübung. Und das wird nicht besser! Weil das Ding ja so lang ist, bricht man sich drinnen das Kreuz spätestens auf der letzten Meile vor dem rettenden Sitzplatz.

Sogar ich! Und jetzt stellt Euch einen NBA Basketball Star vor, der muss sich doch gleich dreimal falten, um sich in der Karre zu bewegen…

Nachdem ich’s auf den Sitzplatz geschafft hatte, war’s dann aber wiederum lustig: man kann dann Kollegen auf der Suche nach Getränken – die sich in circa 100 verschiedenen kleinen Minikühlschränken verstecken – beim Auf-den-Knien hin- und herwandern zuzugucken.

Wie ein Treffen der kleinwüchsigen Wichtigtunwoller.

Oder warum sollte man sich so’n Auto sonst noch antun?

Eine nette Episode ergab sich auch aus dem der unterschiedlichen Erscheinung meiner den Kollegen und mir (orange Stadtwerkshose, Oberarmtattoos freigelegt). Ich komme also von der obligatorischen Zigarette zurück und werde vom Eigentümer des Restaurants überfallen:

“Wir freuen uns ganz speziell über IHRE Anwesenheit!”

(guckt mir treuherzig in die Augen)

Nachdem ich vergeblich versucht habe, seinen Blick auf meine aparte Begleitung zu lenken (Rauchen ist doch zu was gut), gestehen wir beide schließlich ein, dass wir ganz einfache Techies von IBM sind.

“Aha”

(Gesichtslinien fallen mit steigender Geschwindigkeit)

“Well, thank you very much for being here!”)

(Grinsen hält noch ca 1/10 Sekunde, dann schneller Abgang)

Und er dachte, er hätte da irgendeinen Rockstar in seinem Laden. Tsihi… zumindest habe ich jetzt einen dollen Kugelschreiber.

Wir hätten vielleicht dabei bleiben sollen, dann würde jetzt mein Autogramm neben dem von Bruce Willis hängen…

Habe ich eigentlich schon irgendwas von der Konferenz erzählt?

OK, hier issess:

Eine Konferenz ist lustig,
eine Konferenz ist doll,
lalala!

Soviel dazu, ich drehe lieber einfach den Satz von Bericht Nummer 1 um und ich versuche, am Ende den Anfang im Sinn zu haben.

Ich habe da nämlich noch einige Verbesserungsvorschläge.

Zum einen das Motto der Konferenz:

“Software und trotzdem Spass dabei!”

Und wie wär’s mit dem generellen Konferenzverbot von Powerpoint?

Und stattdessen allgemeiner Drogenpflicht?

Tauschen wir doch einfach mal aus:

Die Schilder sagen sowas wie “Thank you for not using Powerpoint” und der Referent gibt am Ende der Session Zigarren, Joints & Bier aus. Man kommt in eine Sitzung und baut sich
erstmal gemeinsam ratschend einen zusammen. Der Referent fällt nach dem zweiten
Zug lachend hinters Stehpult und macht liegend weiter. Die Teilnehmer fallen
sich grölend in die Arme und nutzen die Gelegenheit zu einer Spontanorgie.

Die ‘Wie war’s’ Fragebögen entfallen und werden durch eine Blutprobe ersetzt: je höher der Drogenanteil ist, desto besser war die Sitzung. Das Essen wird immer als super bewertet, weil alle Geschmacksnerven durch Fressflash auf Urlaub sind.

Woodstock is back! Doch ohne den Schlamm und wir haben unsern Spass mal so richtig selber.

Und mal ehrlich, die Musik ist seitdem auch besser geworden, oder etwa nicht? Man bekommt ja in amerikanischen Hotels ein grundlegendes und sorgfältig ausgewähltes Angebot an Musik frei Ohr geliefert. Draussen hübsch versteckt durch die allgegenwärtigen grünen Bosegartenboxen, drinnen durch die strategisch verteilten, in die Klimanlage
integrierten (also überall) Lautsprecher.

Und natürlich rund um die Uhr! Das erinnert mich an einen Besuch in Disneyland: doch dort ist die Musik um Größenordnungen kitschiger. Da lobe ich mir unser Hotel: die Rate von Unterhaltungsmusik-generierten Zombies, die schwankend auf mich zurennen und
mich mit MickeyMouse Käppies ersticken wollen, ist erfischend niedriger.

Hier noch ein anderer Vorschlag zur nächsten RDUC:

Wie wär’s mit einer Poolkonferenz?

Die Teilnehmer schwimmen im Pool und begeben sich auf Suche nach Use Cases rund um den Pool. Je weniger untergehen, desto besser wird die Veranstaltung bewertet. Wer länger als drei Minuten unter Wasser bleiben kann, ist entweder tot oder bekommt Sonderapplaus.

Der Referent – schick anzusehn in seiner blauen IBM Badehose – wirft mit Rettungsringen um sich. Meinerseits wäre das einzige Haar in der Suppe, daß mir meine Flipchartblätter dauernd wegschwimmen.
Andernseits ist’s auch klasse für mich: endlich sind wir alle auf (m)einer Höhe!

So’n Pool ist generell toll, speziell in Verbindung mit galoppierender Realitätsblindheit. Dieser Tage habe ich einen Kollegen getroffen, das ganze Gesicht verpflastert.

Macken, gebrochene Nase, Schrammen.

Klar, das man da nachfragt, ob der andere auch sein Fett abbekommen hat.

Ratet!

Er hat im 0,8 m tiefen Pool einen Köpper versucht!

Echt!

Fast schon ein Kandidat für die ‘Darwinawards’. Dazu müsste er nur noch seine Gene aus dem allgemeinen Gen-Pool (sic!) entfernen. Indirekt hat er das ja schon, welche Frau setzt schon auf so einen Versorger? Wahrscheinlich ist er nicht mit den vielen Schildern
klargekommen, die überall die Wassertiefe anzeigen, auf die Abwesenheit eines Bademeisters hinweisen und mit Signalfarben ‘BITTE KEINE KÖPPER’ schreien.

Lesen hilft. Vorher Nachdenken auch!
Wirklich!

Zurück zur Konferenz? Gerne.

Was bringt denn so eine Konferenz übrhaupt?

Fragt sich ja jeder Manager, der das Budget für Reise/Hotel unterschreiben soll. Ist ja auch ne wirklich wichtige Frage.

Der ‘Natural Born Manager’ denkt sich nämlich sofort, “das kann man ja auch via Web machen, wenn überhaupt, oder nicht?”

Ich habe während der Konferenz nachgeforscht und bin zu einem interessanten Ergebnis gekommen: Kein Schwein konnte mir den ROI (neudeutsch-buchhalterisch für ‘warum?’) einer solchen Konferenz aufzeigen.

Ist jetzt nicht gerade überraschend, oder?

Alles basiert auf gutem Glauben und einer Riesenportion Hoffnung.

Keine Gewinnzahlen.

Keine dollen Datenmatrizen oder Pivottabellen.

Nix! Nada!

Alles Glauben!

[Einsch(w)enk: Pivottabellen

Ich kenne den Begriff ‘Pivot’ aus dem Basketball. Man läßt mit dem Ball in der Hand einen Fuß am Boden und kann mit dem anderen beliebig oft aufsetzen und sich dabei drehen.

Mein Trainer hat’s mir damals so erklärt: “Stell Dir vor, Du hast den einen Schuh am Boden festgenagelt”. Ist bei Excel so ziemlich das gleiche, nur dass der Nagel durch den Kopf geht.]

Hier DIE Neuigkeit für die NBMs:

Menschen machen Geschäfte und Menschen machen dadurch Geld.

Und – Überraschung!! – sowas machen die immer mit anderen Menschen.

Oder gebt Ihr Euer Geld irgendjemanden, den Ihr nicht kennt?

Siehste!

Und deshalb misst sich der wirkliche Nutzen, den eine Konferenz bringen kann, mit den folgenden Fragen:

  • Wieviele Menschen lernt man kennen?
  • Wieviele Menschen sieht man wieder?
  • Wieviel erfährt man über diese Menschen?
  • Wieviel erfährt man über sich selbst?
  • Wieviel lernt man?

Von dieser Seite her hat mir diese Konferenz also jede Menge gebracht (neben der für Euch hoffentlich vergnüglichen Lesezeit). Ich habe 20++ Kollegen wieder gesehen, 30+ Kollegen und 50+ Kunden neu kennenlernen dürfen, 100+ neue Probleme und 200+ neue Ideen erzählt bekommen oder gefunden und vor allem: viel gelacht!

Das Leben bringt doch immer die besten Zusammenfassungen:

auf dem ‘Raucherdeck’ während der Konferenz hat ein texanischer Mensch den Sinn und Zweck allen menschlichen Handels wunderbar zusammengefasst. Da sich seine Aussage
nicht optimal in schriftlicher Form wiedergeben läßt, stelle ich hier ein Audio File rein, in dem ich versuche, seinen Tonfall und seine Einstellung nachzusprechen. Wenn Ihr das Ergebnis hören wollt, einfach unten den Player anschmeissen.
Kommt also dieser echte Texaner mit allem drum und dran (Cowboyhut, Cowboyboots,
Cowboyhemdgehänge) zum Rauchen.

Ich nicke ihm grüßend zu und sage (ein bisserl lernfähig bin ich ja doch):

“Hi. How are you doing?”

Er schaut mich an, grinst und sagt:

“Shoot! I’m Aalriiiiiiight”.

(besser geht’s nicht)

Hallöchen!

Volker