Wieder sehen

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Trübes Licht rauscht am Zugfenster vorbei.

Es ist einer dieser ersten Vorbotentage des Winters mit seinem unscharfen Licht unter einer Sonne, die keine Wärme mehr unter den Wolken geben kann. Ich schaue in das huschende Noch-Grün, das mit Mauern und Häusern Fangen spielt.

Es ist lange her, daß ich hier war, dass ein solches Licht mir schien. Was soll ich nur sagen? Niemand wird mich am Bahnhof abholen, alle Menschen dort werden nur mit sich selbst beschäftigt eilig umher- und umeinandereilen. Ich werde ein Taxi nehmen. Einsteigen.

“Ishmaelstrasse, bitte.”

Die Stadt hat sich nicht verändert, wie auch in zehn Jahren in diesem Land. Nicht viel neues, nur ungewohnt nach der langen Zeit. Die Gebäude stehen Spalier und der Taxifahrer ist wohltuend schweigsam.

Ich steige aus, stehe vor dem Grundstück, zögere. Die Zeit dreht sich…

In einem anderen Licht stand ich hier, genauso sprachlos, genauso zögernd:
Sollte ich wieder hineingehen? Sollte ich alles hinter mir lassen? Die Sonne brannte auf meinem Nacken, ein leichter Schweiß rann mir den Rücken herab. Ich hatte aufgegeben und noch schlimmer, mir war es in jenem Augenblick bewußt. Nichts, daß diesen Schild aus Zorn und Vorwürfen durchbrechen konnte. Die Straße war staubig vom lange ausgebliebenen Regen, meine Schuhe mußten dringend geputzt werden.

Mein Blick hob sich, fiel auf das Haus, in dem er aufwuchs und das ich endgültig verlassen würde. Einen Abschied gab es nicht, nur das langsame Sterben von gemeinsamer Zeit, bis endlich klar wurde, daß da nichts mehr war. Mein Weggang war nur der letzte Schritt einer langen Abfolge des Verlassens. Ich fühlte mich leer, unfähig, klein, fern.

Was nun?

Mir ist viel passiert in diesen Jahren, ich habe viel gesehen und erfahren an vielen Orten, und doch nichts an diesem Ort, mit diesen Menschen. Hier ist meine Geschichte nicht weiter geschrieben worden, kein Anteil von mir.

Was nun?

Ich könnte hineingehen und ihn nach seiner Geschichte fragen:
Was hat er in all den Jahren getan, was gelernt, was verziehen? Wie es ihm gehen würde, was er sich wünschen würde? Und wenn er gleiches mich fragen würde, hätte ich keine Antwort in seiner Anwesenheit. Ich wäre so mit ihm beschäftigt, daß meine eigene Geschichte unter all diesen Fragen, unter all meiner Schuld vergraben wäre.

Was nun?

Ein Auto fährt heran, wird langsamer. Mir rinnt ein Schauder durch den Körper, alles zieht sich zusammen und ich möchte verschwinden, unsichtbar zusehen. Wenn er nun darin sitzt? Das Auto fährt vorbei, meine Gänsehaut begleitet die Erleichterung aus mir heraus.

Was nun?

Ich kann nicht mehr länger hier stehen bleiben, kein Taxi weit und breit und ich habe kein hier funktionierendes Telefon bei mir. Die Straße liegt leer links und rechts von mir, kein Auto, nur lange einsame Wege führen von hier weg. Vor mir die Treppe hinauf zum Haus, steiler und schwieriger als jeder Berg, den ich bestiegen habe.

Wohin nun?

Die Tür geht auf und mein Herz strauchelt. Er steht in der Tür und schaut mich an. Schaut mich einfach an.

Was nun?

Ich sitze fest, meine Füße in ihren schmutzigen Schuhen sind mit dem Boden verwachsen, kein Vor, kein Zurück.

Was nun?

Ich hebe meinen Blick, versuche in seine Augen zu sehen, die meinen so sehr gleichen.

Was nun? Was nun? Was nun? Was nun? Was nun?

WAS NUN?

“Komm herein.”